Der Sehnsucht folgen...

...wer hat nicht schon einmal daran gedacht loszulassen, einfach aufzubrechen und den Alltag hinter sich zu lassen? Aufbruch bedeutet immer auch ein Stück weit Aufgabe von Annehmlichkeiten und Sicherheiten, Aufgabe der gewohnten Umgebung im Tausch gegen bislang unbekannte Erfahrungen, Begegnungen, Erkenntnisse und Einsichten. In den zurückliegenden Jahren habe ich mich mehrfach auf diesen Tausch eingelassen und bin auf den großen Caminos der Iberischen Halbinsel zu Fuß nach Santiago de Compostela gepilgert. Ich möchte Sie einladen, Ihren Sehnsüchten für einen Moment nachzugeben und mich ein Stück weit auf meinen Caminos zu begleiten.

Mittwoch, 4. November 2015

7. Tag - Lucus Augusti


el miércoles - 04.11.2015
Cadavo-Baleira - Lugo 30 km



Hola,



der Himmel über Galicien verspricht zumindest für heute nichts Gutes. - Im Albergue sind auch Pilger aus St. Petersburg. Das heutige Ziel ist Lugo in der gleichnamigen Provinz. Lugo ist mit über 2000 Jahren die älteste Stadt Galiciens und wie viele Städte bei uns in Deutschland aus einem Römerlager hervorgegangen.
Unter Kaiser Augustus (31 v.Chr. bis 14 n.Chr.) erfolgte eine aggressive Expansions- und Konsolidierungspolitik. Die Nördlichen Teile der Iberischen Halbinsel wurden zwischen 29 v. Chr. und 19 v. Chr. in den Kantabrischen Kriegen dem Römischen Reich einverleibt. Ein lebendiges Zeugnis dafür ist die Stadt Lugo an der alten Via Romana XIX.

Römische Brücke über den Rio Mino
 
Römische Stadtmauer aus dem 3. Jhd., heute UNESCO Weltkulturerbe.

Diese Bronzeplakette im Stadtpflaster von Lugo erinnert an die Via Romana XIX, welche Astorga mit Lugo und Braga (Portugal) verband.




Albergue de Peregrinos im Zentrum von Lugo

Santa Maria (Seitenansicht)

Die romanische Kathedrale Santa Maria wurde über der ersten Kirche aus 8.Jhd. errichtet und trägt den Titel 'Basilika Minor'.


Rathaus Lugo

Männer bei der Wäsche...

Maria und Hippokrates aus Thessaloniki!
BRAVO!!!!!
 
Wir kommen beim gemeinsamen Essen ins Gespräch. Maria hat Landwirtschaft, Hippokrates Graphik und Design studiert. Es ist für diese beiden jungen Menschen schwierig bis unmöglich derzeit Arbeit in Griechenland zu finden. So eine Begegnung macht betroffen und ist etwas anderes als zum Beispiel ein Blick auf eine Statistik. --- Wir müssen in Europa das Menschenrecht auf Arbeit endlich auch umsetzen!!!
 

Am Abend Griechische Fasolada auf dem Camino Promitivo!

KALI OREXI  !!!


                                                                      ---  

Diese Etappe widme ich meinen griechischen Freunden in der Sfakia von Westkreta, Jannis und der Familie Orfanoudakis, Michalis und der Familie Nikoloudakis, Pantelitsa, Georgos und Sifis Manousoudakis.



buen camino

Dienstag, 3. November 2015

6. Tag - Adios Asturias

el martes - 03.11.2015 
Grandas de Salime - Fonsagrada-Padron 26 km




Hola,


10 ° C Außentemperatur und Regen empfangen mich vor dem Alberge und schon nach wenigen Kilometern sitze ich in einer gut beheizten Bar bei 'Ana', die den leicht frustrierten Pilger mit ihren Schätzen verwöhnt. Außerdem verfügt sie hier in der asturischen Wildnis über ein schnelles WLAN.


Den Steinpilz habe ich der Wirtin Ana präsentiert und sie war sichtlich beeindruckt. Ewig kann ich nicht rasten, ich muß noch über den Alto de Acevo (1050 m) und das bei dem Wetter, was ja in der Jahreszeit völlig normal ist. Na, vielleicht gibt es ja noch mehr Steinpilze am Weg .... ;-) .




Der Weg über den Pass hat mich ganz schön mitgenommen doch wenig später überschreite ich die Grenze zur (galicisch) Comunidade Autónoma de Galicia. Eine Schieferfafel markiert die Stelle am Camino. Hier oben ist wirklich weit und breit keine Menschenseele und für einen Moment fühle ich mich etwas einsam im Wind und Regen.


                                                                      
Hier an der Grenze der beiden Autonomen Gemeinschaften ist Zeit für ein kurzes Resümee: Wer das Wandern auf einsamen Wegen mit z.T. großen Höhenunterschieden in  natürlichen Forsten und durch kleinparzellige Landwirtschaftsflächen liebt, für den ist dieser Camino Primitivo durch Asturien bisher genau das Richtige. Das ozeanische Klima hier ist ganzjährig für den einen oder anderen kräftigen Regenschauer gut. Der Camino wirkt zumindest zu dieser Jahreszeit etwas verlassen, doch die Kleinstädtchen, Dörfer und Weiler bringen Abwechslung und laden den Pilger zum Verweilen ein. Sie bieten neben den Albergues auch immer die eine oder andere Bar mit Tienda, einen Supermercado, wo man sich mit dem Notwendigsten schnell eindecken kann. 
Kultur und Geschichte kommen nicht zu kurz. Steinzeitmenschen, Iberer, Kelten, Römer und Westgoten haben sichtbare Spuren in Asturien hinterlassen. Das Principado de Asturias hat als Ausgangsort der Reconquista bis heute für Spanien eine herrausragende Bedeutung.


Zur Krisenbewältigung erst mal einen Happen Empanada ...;), denn als ich am Spätnachmittag Fonsagrada-Padron erreiche, erfahre ich, dass das Albergue für einen Tag geschlossen ist. Ohne mich vor Ort um eine Alternative zu kümmern, besteige ich den Linienbus nach Cadavo-Baleira, wo ich gegen 18 h das Albergue erreiche. Das ist eigentlich für mich ein Tabubruch und irgendwie plagt mich in dieser Hinsicht auch ein schlechtes Gewissen... :-(.

Im Albergue werde ich von Maria und Hippokrates aus Thessaloniki und Erik aus der Auvergne zur griechischen Linsensuppe eingeladen. Ich trage mit Steinpilzen mit Knoblauch in Olivenöl zum Menü bei. 

KALI OREXI!!!

                                                                                 ---

This stage with rain and fog all day long is dedicated to my friends in England:

My Squire Jane with Neil from Scottland, Angela and John and last not least Val and Bill.



 

buen camino

Montag, 2. November 2015

5. Tag - El Panorama

el lunes - 02.11.2015 
Berducedo - Grandas de Salime 25 km



Hola,


früh um 9 h gehe ich in Berducedo los. David aus Mexiko schlummert noch im Albergue. Er hat schon einige Länder Europas bereist, u.a. auch Deutschland. Berlin hat ihn besonders begeistert.  
 
 
Dies wird 'der Tag der schönen Aussichten' unter der Sonne und dem blauen Himmel Asturiens. Der Camino zieht sich auf dieser Etappe durch eine ganz spärlich besiedelte Landschaft. Was für ein Geschenk bei diesem Wetter hier auf dem Camino Primitivo Richtung Santiago de Compostela zu pilgern.
 

 






Am Spätnachmittag komme ich an meinem Tagesziel an, David ist lange vor mir eingetroffen. Das Albergue ist sehr sauber und ordentlich eingerichtet. Ich mache Pläne für ein selbstzubereitetes Abendessen, die ganz schnell durchkreuzt werden sollen. - Obwohl 'el lunes', ist heute in Spanien ein 'dia festivo'. Eigentlich logisch, Allerheiligen fiel auf einen Sonntag, somit muß der Feiertag schnell am nächsten Werktag nachgeholt werden. Das nenne ich konsequent. Ob das mit Andrea Nahles auch in Deutschland zu machen wäre?



Der angemessene Abschluß dieses Tages mit den schönsten Impressionen bisher: 
'Pulpo Gallega', Krake mit Kartoffeln, Olivenöl und grobem Salz, einfach göttlich.... diese(r) Krake ;-)

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Die heutige und bislang schönste Etappe widme ich der Hl. Barbara aus Niederwenigern und ihren Nachkommen ;-).



buen camino

Sonntag, 1. November 2015

4. Tag - Todos los Santos

el domingo - 01.11.2015
Campiello - Berducedo 28 km




Hola,


das Wetter kann an 'Todos los Santos' nicht besser sein, als ich in Campiello aufbreche. Ich denke, die Bilder sprechen für sich. Die Menschen hier sprechen etwas scherzhaft von 'la primavera'. 
Nach etwa 4 km teilt sich der Weg und führt erst nach 14 km wieder zusammen. Ich habe mich für die 'urbane Variante' ('la Pola' anstelle von 'Hospitales') mit Bars am Wege entschieden. Im übrigen habe ich seit der ersten Etappe eine Blutblase unter dem Rechten Vorderfuß, ich humpel, jeder Schritt schmerzt jetzt. Da heißt es unbedingt Kräfte schonen.




Die erste Bar ist dem Hl. Rochus geweiht, Schutzheiliger der Pestkranken, bietet aber auch dem erschöpften Pilger Stärkungen bishin zum Sello (Stempel) im Credencial.

                                                             
 
Meine Entscheidung war richtig, in der Bar San Roque läd mich eine Asturierin zum Sidra Natural ein und der tut richtig gut ;-) ! Die Asturier konsumieren viele Millionen Liter pro Jahr, Sidra ist hier ein Stück Landeskultur. Das Zentrum der Sidra Herstellung liegt in und um Villaviciosa, auf dem Camino del Norte. Klangvolle Sortennamen wie 'Durona de Tresali', 'García Sol', 'Ernestina' oder 'Rosalisa' lassen ein wahrhaft göttliches Getränk entstehen. Es wäre sicherlich Sünde, dieser Gottesgabe nicht regelmäßig zuzusprechen. ;-)

Am Abend möchte ich im Weiler Berducedo sein. Mein Weg führt mich über den Alto Lavadoira in 806 m Höhe. In Berducedo genieße ich den Sonnenuntergang beim Bier und einem 'Bocadillo Francesa con Queso'.
Die ehemalige Dorfschule dient als Herberge, die ich mir heute mit einem Pilger aus Mexiko teile.



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Diese Etappe widme ich meinen lieben Nachbarn Heike und Matthias.



buen camino


Samstag, 31. Oktober 2015

3. Tag - Ruta de Castanes

el bado - 31.10.2015
Bodenaya - Campiello 25 km



Hola,

Hospitalero David hat gestern Abend leckere Pasta mit einer Pilz-Sahnesauce gekocht. Ich habe gemeinsam mit ihm und seiner Lebensgefährtin zu Abend gegessen. Beide sind selbst viel gepilgert und betreiben die Herberge in Bodenaya sehr liebevoll und engagiert. Die Gastfreundschaft war wirklich außergewöhnlich und ich möchte den beiden an dieser Stelle noch einmal dafür danken.

 

Abschied von außergewöhnlichen Hospitaleros

Der Weiler Campiello ist mein heutiges Etappenziel und so gegen 9 h starte ich durch über einsame Waldwege inmitten von Maronenbäumen, die mit ihren Früchten und Blättern die Tafel besonders für Schwarz- und Rotwild decken.





Hórreo
Hórreos findet man in Nordportugal und in Asturien, Galicien, Kantabrien und im Norden der Provinz León. Die zumeist aus Holz gefertigten Speicher ruhen auf steinernen Pfeilern mit Steinplatten, die somit von auf dem Boden lebenden Tieren unüberwindbar sind. Die Hórreos sind gut durchlüftet, womit sie dem Klima im Nordwesten der Iberischen Halbinsel mit hohen ganzjährigen Niederschlägen Rechnung tragen. Die quadratische Bauform der Hórreos in Asturien spricht mich besonders an.
 
Es ist wieder Abend geworden, als ich Campiello erreiche. Ich gönne mir ein Pilgermenü im Landgasthof. Die Köchin muß frisch verliebt sein, das Essen ist stark versalzen. Da hilft nur noch das Kölsche Grundgesetz:
§ 7 Wat wellste maache?
§ 10 Drinkste eine met?


in diesem Sinne ... ;-)

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Die heutige Etappe widme ich meinen lieben Freunden Katrin und Roli aus Zürich.


buen camino


Freitag, 30. Oktober 2015

2. Tag - 'Madrenas'


el viernes -  30.10.2015
San Juan de Villapanada - Bodenaya 25 km




Hola,


habe fast 11 Stunden am Stück geschlafen, als ich heute in San Juan in Richtung Salas aufbreche. Die Außentemperatur beträgt 18 °C, später gibt es dann noch ordentlichen Landregen.

 


Buenos dias, dieser Hirtenhund wacht direkt vor der Herberge über seine Zicklein und Schäfchen. In der vergangenen Nacht habe ich ihn bellen hören. Später erfahre ich, dass sich noch vor kurzem hier eine Wolfsfamilie (der Iberische Wolf lebt nicht in Rudeln, sondern in Familienverbänden) aufgehalten hat. Diesen massigen Schutzhunden werden wir ab jetzt noch öfter begegnen. Und einen kurzen Moment überlege ich 'Hasenfuß', ob ich diesen nicht besser mitnehme auf meinem Weg durch diese wunderschöne Berglandschaft.

Madrenas
Die Asturier tragen diese 'Madrenas' (mini Matschboote) aus Weichholz mit extra erhöhten Stollen, um sicher durch Matsch und Pfützen zu kommen. Also, ich finde diese Matschboote sagenhaft schön.


Unterwegs treffe ich diesen Landwirt, er dengelt seine Sense, d.h. durch leichte Schläge mit dem Dengelhammer wird die Schnittkante extrem dünn und somit scharf. Ihm gehören übrigens auch die Madrenas auf dem Foto oben.



Wenig später begegne ich gleich drei Hirtenhunden, die eine größere Herde bewachen. Der Iberische Wolf ist gerade in Nordspanien (Stand 2008, bsd. nörl. des Duero) stark verbreitet. Leider ist mir bislang auf meinen Caminos noch kein Wolf begegnet, lediglich Wolfslosung habe ich schon auf meinem ersten Camino, der Ruta de la Plata auf den einsamen Wanderwegen gefunden.


In der Abenddämmerung erreiche ich mein Albergue in Bondenaya. Der Empfang ist sehr herzlich, die Herberge hat so etwas wie einen Kultstatus. Dazu später mehr.
 

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This stage I dedicate to our friends Valerie und Bill Kitson in North Yorkshire.



buen camino



1. Tag - San Salvador

el jueves - 29.10.2015
Oviedo - San Juan de Villapanada 26 km




Hola,


gleich geht es zur Kathedrale von Oviedo, die eine Schatzkammer der Geschichte Asturiens, der Reconquista und somit Spaniens ist.


Schon die Sonderrolle Asturiens während der Rückeroberung wurde mit dem Titel 'Principado de Asturias' belohnt. Mit der erfolgreichen Schlacht von Covadonga (im kantabr. Gebirge) 722 wurde die Reconquista unter dem westgotischen Heerführer Pelagius oder span. Pelayo eingeleitet. Die Voraussetzungen für ein Königreich Asturien waren geschaffen und unter Alfonso II wurde der Hof nach Oviedo verlegt. Pelayo und Alfonso II werden hier heute noch gleichermaßen stark verehrt.

Der Camino Primitivo kann als der älteste und ursprünglichste Pilgerweg nach Santiago de Compostela angesehen werden. Kurz nach der Entdeckung des Apostelgrabes machte sich Alfonso II von Asturien als prominenter Pilger auf genau diesen Pilgerweg, der heute gewissermaßen den Camino del Norte mit dem Camino Frances verbindet.
 

Traditionell begint der Camino Primitivo an der Statue des San Salvador (des Erlösers) in der Kathedrale von Oviedo. So auch mein Camino Santiago.

 
Allerdings war die Kathedrale mit ihren reichen Reliquienschätzen jahrhundertelang nicht nur Ausgangspunkt, sondern auch Ziel von Pilgern, die in Leon den Camino Frances verließen, um über den Camino San Salvador (ca. 5 Tage) die Heiligtümer in Oviedo zu erreichen. Dieser Umweg durch das Kantabrische Gebirge führte zu einer nicht unerheblichen Erschwernis des Pilgerweges nach Santiago insgesamt.

6 Säulen, pro Säule 2 Apostel tragen das Gewölbe der Camara Santa.
Links Jakobus der Ältere an der Jakobsmuschel gut zu erkennen.
Die Cámara Santa im ältesten Teil der Kathedrale ist Aufbewahrungsort zahlreicher Reliquien und des Siegeskreuzes (908 von Alfons III gestiftet), welches heute im Asturischen Wappen auf blauem Grund abgebildet ist. Der Holzkern des 'Cruz de la Victoria' soll schon in der Schlacht von Covadonga das christliche Heer unterstützt haben.
  
Flag of Asturias.svg
Lateinisches Kleeblattkreuz auf blauem Grund (Farbe der Jungfrau Maria), 
Alpha+Omega für den Anfang und das Ende
Bei so viel Eindrücken hatte ich die noch vor mir liegende Etappe nach San Juan de Villapanada verdrängt und so gehe ich erst gegen Mittag los. Die 26 km ziehen sich und ich erreiche erst um 19:30 h meine Herberge, die sehr einsam etwas abseits des Weges liegt. Der freundliche Hospitalero 'Domingo' will noch etwas gemeinsam mit mir kochen, doch ich muß ihm energisch klarmachen, dass mir jetzt viel Bier und ein Käsebrot reicht ;-).

 
Herberge in San Juan de Villapanada

Erschöpft und dankbar für diesen Tag schlafe ich unter Domingos Dach ein und freue mich auf morgen.

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This pilgrimage on the Camino Primitivo is on its whole dedicated to my friends Chuck and Marg in Plevna/Ontario/Canada. All the best from here from all my heart Chuck!



buen camino